RE’FLEKT Labs: Was ist Augmented Reality aus Expertensicht?

Was Augmented Reality (AR) ist, wird in der wissen­schaft­li­chen Forschung bisher meist aus tech­no­lo­gi­scher Sicht bzw. aus dem Blick­winkel der Infor­matik erklärt. Dies liegt in der Natur der Sache, weil der Ursprung von AR im indus­tri­ellen Umfeld liegt. Mitt­ler­weile kommt Augmented Reality in immer mehr Gebieten zum Einsatz, wodurch sich auch die Wissen­schaft in anderen Berei­chen mit dem Thema befasst. Alleine schon die Schnitt­stellen, die AR zu Medien und Einsatz­fel­dern schafft, bieten ausrei­chend Ansätze zu wissen­schaft­li­cher Forschung.

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Aus kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Perspek­tive und der Erfah­rung aus meiner eigenen Forschungs­ar­beit beleuchte ich die Diskus­sion zu AR-Definitionen. Ganz bewusst werde ich die Wissen­schaft der Praxis gegen­über­stellen und viel Raum zur Diskus­sion lassen. Das ist ein Aufruf: Disku­tiert mit und teilt Eure Vorstel­lungen und Erfah­rungen zu Augmented Reality und angren­zenden Technologien.

Was ist Augmented Reality aus der Sicht von Experten?

Die bislang am häufigsten zitierte Defi­ni­tion von Augmented Reality stammt von Azuma:

„AR is about augmen­ting the real world envi­ron­ment with virtual infor­ma­tion by impro­ving people’s senses and skills. AR mixes virtual charac­ters with the actual world.” (Azuma 1997: 355)

Azuma defi­niert AR als die Erwei­te­rung der Realität mit virtu­ellen Objekten. Charak­te­ri­siert ist diese Defi­ni­tion vom drei­di­men­sio­nalen Bezug virtu­eller und realer Objekte sowie der Inter­ak­tion in Echt­zeit. Die Defi­ni­tion stammt aus dem Jahr 1997 und spie­gelt den Stand der Anwen­dung von AR aus dieser Zeit wider.

In der Zwischen­zeit setzen Unter­nehmen AR neben der Indus­trie auch in PR und Marke­ting ein und nutzen die inter­ak­tive Visua­li­sie­rung im Vertrieb. Während gerade in der Indus­trie viel­fach 3D-Modelle als Erwei­te­rung dienen, bietet AR in Marke­ting und Kommu­ni­ka­tion eine breite Palette an digi­talen Inhalten zur Erwei­te­rung bestehender Medien an. Hierzu zählen Bewegt­bild, zusätz­liche Live-Einblendungen und die Kombi­na­tion verschie­dener digi­taler Inhalte. Wenn wir uns die Defi­ni­tion von Azuma noch mal anschauen, dann würde z.B. Video nicht unter die Kate­gorie “virtu­elle Objekte” fallen. Und genau hier setzt die Diskus­sion an.

Mehler-Bicher et al. (2011: 11f.) nehmen eine Eintei­lung in AR im engeren und im weiteren Sinne vor. Demnach defi­nieren sie die Erwei­te­rung mit virtu­ellen Objekten im Sinne von Azuma als “im engeren Sinne”. Zwei­di­men­sio­nale Einblen­dungen, wie Text­infos, und alle weiteren Verknüp­fungen mit digi­talem Content zählen sie zu einer erwei­terten Definition.

AR-Definition aus heutiger Mediensicht

Muss die tech­no­lo­gisch geprägte Defi­ni­tion derart einge­grenzt bleiben? Technisch-geprägte Menschen tendieren dazu. In Rahmen meiner wissen­schaft­li­chen Arbeit zu AR habe ich eine kleine Forschungs­ar­beit durch­ge­führt, die auch den Bereich “Defi­ni­tionen von AR” enthielt. Dazu habe ich 15 Experten mit Erfah­rung in Augmented Reality und Kennt­nissen in den Themen­fel­dern Medien, Kommu­ni­ka­tion und Produkt­ent­wick­lung befragt.

Das Ergebnis: Der über­wie­gende Teil der befragten Experten versteht jegliche Verknüp­fung mit digi­talem Content als Augmented Reality; selbst der QR-Code wird teil­weise darunter subsu­miert. Ledig­lich die tech­no­lo­gisch geprägten Befragten grenzen das Spek­trum von Augmented Reality stärker ab. Grund­sätz­lich lässt sich fest­stellen, dass je stärker eine Person aus der Infor­matik und Tech­no­logie kommt, desto einge­grenzter wird auf die virtu­ellen Objekte verwiesen. Umso mehr Menschen aus Kommu­ni­ka­tion, Marke­ting und Medien gefragt werden, desto offener wird die Defi­ni­tion im Zusam­men­hang mit den erwei­terten Inhalten.

Experten-Zitate

Stell­ver­ter­tre­tend für die Aussagen der Experten drei Zitate zur Defi­ni­tion von AR. Da die Forschungs­ar­beit im Moment noch gesperrt ist kann ich die Namen der Experten nicht nennen.

„AR bedeutet Medi­en­kon­ver­genz zu erzeugen, indem eine klas­si­sche Kommu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­keit mit etwas völlig Neuem verbunden wird.”

Neben der inhal­ti­chen Defi­ni­tion bezüg­lich der Erwei­te­rung verweisen die Experten auch auf eine zentrale Funk­tion von Augmented Reality. AR verbindet Elemente und stellt damit eine Schnitt­stelle dar.

„Augmented Reality ist die Schnitt­stelle zwischen der realen Welt und der digi­talen Welt”

Neben der Nutzung als Inter­face verweist ein weiterer Experte auf zwei zentrale Begriffe: Inter­ak­tion und Daten (Thema Big Data).

„AR hat die Funk­tion, dass es Content auf verschie­denen Ebenen zu einer Inter­ak­tion verbindet und Daten aus den Tiefen der Unter­nehmen bringt.”

Die Ergeb­nisse der empi­ri­schen Befra­gung haben mich dazu bewegt eine eigene Defi­ni­tion zu Augmented Reality aufzu­stellen, die insbe­son­dere der heutigen Anwen­dung von AR gerecht werden soll.

„Augmented Reality ist die Schnitt­stelle zur Erwei­te­rung der Realität sowie bestehender Medien mit virtu­ellen Objekten, digi­talen Inhalten und orts­be­zo­genen Infor­ma­tionen, mit dem Ziel, Inter­ak­tion zu schaffen, die Infor­ma­ti­ons­auf­nahme zu erleich­tern und aktive Wahr­neh­mung bei gestei­gerter Verweil­dauer zu fördern.“ (Schart 2013: 80)

Ich stelle sogar bewusst die Frage, ob in der Zukunft der Begriff “Augmented Reality” in den Hinter­grund treten wird und über die Funk­tionen defi­niert wird. Beispiels­weise als Visua­li­sie­rungs­tool, Medien-Interface oder Interaktions-App. Insbe­son­dere weil künftig verschie­dene Tech­no­lo­gien wie AR, VR und Gesten­steue­rung verknüpft werden und somit aus der Bedie­nung heraus eine Erklä­rung statt­finden kann.

Augmented Reality, Virtual Reality, Mixed Reality

Es gibt verschie­dene Reali­täten: Die erwei­terte, die virtu­elle und die Mischung aus beidem. Je nach Stadium ändern sich die Möglich­keiten und auch die genutzten Bedien­ge­räte. Während bei AR meist Smart Devices wie iOS- oder Android-Geräte zum Einsatz kommen, nutzt Virtual Reality Head-Mounted-Displays (HDM). Das Konti­nuum von Milgram stellt die verschie­denen Bereich dar.

Kontinuum_Milgram

Abbil­dung: Realitäts-Virtualitäts-Kontinuum
Quelle: Milgram et al. (1994)

Die Erweiterungen mit AR in der Praxis

Augmented Reality erwei­tert also die reale Umge­bung mit zusätz­li­chen Inhalten und Infor­ma­tionen. Wie das aussieht wird gleich deut­lich. Ein kurzer Über­blick soll die bestehenden Möglich­keiten zur Erwei­te­rung verdeutlichen:

  • Einblen­dung von 3D-Objekten
  • Inter­ak­tion mit den einge­blen­deten 3D-Objekten
  • Einblen­dung von zusätz­li­chen Infor­ma­tionen in Form von Text, Bildern oder Grafiken
  • Einblen­dung von In-Page-Videos
  • Einblen­dung von Buttons und Bedienfeldern
  • Verlin­kung der Buttons/Bedienfelder zu Inhalten im Web, Intranet, Videoplattformen
  • Einblen­dung von Zusatz­in­for­ma­tionen aufgrund des Stand­orts (Location-based Services)

Die Abbil­dung zeigt die Einblen­dung eines 3D-Objekts, das mit zusätz­li­chen Text­er­klä­rungen ausge­stattet ist. Wer sich jetzt fragt, wo das Objekt herkommt, dem sei gesagt, dass eine genaue Erklä­rung zu Themen wie Markern, Tracking sowie den Bestand­teilen von AR-Systemen im Folge­post der Serie RE’FLEKT Labs kommt.

RE´FLEKT AR in Printmedium

Weitere Themen bei RE’FLEKT Labs

In den nächsten Folgen werden wir uns die Anwen­dungs­mög­lich­keiten und Einsatz­felder genauer anschauen und Beispiele für die oben genannten Erwei­te­rungen zeigen. Auch aus tech­no­lo­gi­scher Sicht blicken wir auf Marker, Tracking und Steue­rung von AR-Anwendungen. Die wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse meiner Forschungs­ar­beit fliessen in einen Beitrag zu Mehr­werten und Nutzen von AR ein. Wir befassen uns auch mit Grenzen und Hürden von Augmented Reality. Und oben drauf gibt es Infor­ma­tionen, was beim Einsatz und in der Umset­zung beachtet werden sollte und wie wichtig Erklä­rung und Usabi­lity sind.

Natür­lich sind wir offen für Anre­gungen zu Themen oder Fragen. Einfach den Artikel kommen­tieren oder mir eine E-Mail schreiben an ds@re-flekt.com.

Weiter­füh­rende Links
Azuma, Ronald: A Survey of Augmented Reality
Milgram, Paul: Augmented Reality. A class of Displays on the Reality-Virtuality Continuum
Mehler-Bicher, Anett/Reiß, Michael/Steiger, Lothar: Augmented Reality. Theorie und Praxis
Augmented Reality visua­li­siert Diagnose – Beispiel für 3D-Einblendung in Echtzeit

Bild­quellen
Huffington Post Blog: Become Iron Man Ahead of Iron Man 3 Movie Launch 
Eigene Bilder

9 thoughts on “RE’FLEKT Labs: Was ist Augmented Reality aus Expertensicht?”

  1. Hallo Dirk,
    ich finde deine eigene Defi­ni­tion sehr gelungen. Jedoch ist sie (für Laien) auch wieder zu “groß” und versucht das komplexe Thema zu erschlagen, bzw. unter einen Hut zu bringen. Irgendwie ist das nicht so einfach 😉
    Ich bin schon zufrieden, wenn AR als die “erwei­terte Defi­ni­tion” (Mehler-Bicher) verstanden wird und nicht jeder QR Code als AR gehan­delt wird. Denn hier sehen wir ja das Problem: Jeder nutzt den Begriff, sobald er es für richtig hält, um das Buzzword AR genannt zu haben.

    Deine Frage, “ob in der Zukunft der Begriff “Augmented Reality” in den Hinter­grund treten wird und über die Funk­tionen defi­niert wird”, geht absolut in die rich­tige Rich­tung. Mit den weiteren Tech­no­lo­gien wird ein Mix entstehen, der noch schwerer zu defi­nieren sein wird.

    Wieder mal ein toller Post, weiter so!
    Beste Grüße,
    Rainer

    1. Hallo Rainer,
      da die Defi­ni­tion aus der wissen­schaft­li­chen Perspek­tive heraus entstand, ist sie entspre­chend ausführ­lich und dadurch “groß”.
      Im Moment wird AR oftmals auch als Begriff verwendet, einfach um zu zeigen, dass inno­va­tive Tech­no­lo­gien und Medien einge­setzt werden.
      Da ist es dann oft, wie von Dir erwähnt der QR-Code. Und dann gehen die Diskus­sionen los, ob Glass jetzt AR ist oder nicht. Ich befasse
      mich in der Diskus­sion lieber damit, wie AR und angren­zende Tech­no­lo­gien vernünftig und ohne Hype einge­setzt werden können. Dabei stehen
      Mehr­wert, Nutzen und Usabi­lity im Vordergrund. 

      Das ist aber auch Aufgabe der AR-Producer, die das Thema vernünftig umsetzen müssen statt schlecht bedien­bare Gimmicks zu produzieren.

      Für mich wird “Visua­li­sie­rung” in Kombi­na­tion mit anderen Begriffen und Tech­no­lo­gien weiter an Bedeu­tung gewinnen, unab­hängig vom Namen.

      Danke Dir für die Blumen! 

      Viele Grüße
      Dirk

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