Der unsichtbare Fahrer – Technologiekombination mit AR

Was bei Drohnen tech­no­lo­gisch schon üblich ist, soll in den kommenden fünf bis zehn Jahren auch beim Auto Einzug halten: Die Fern­steue­rung. Heute noch als unrea­lis­tisch wahr­ge­nommen, wird an der Tech­ni­schen Univer­sität München (TUM) bereits der unsicht­bare Fahrer prak­ti­ziert. In der vergan­genen Woche hatte ich die Gele­gen­heit das Projekt Visio.M bei einer Live-Präsentation zu erleben. Vorwärts, rück­wärts, langsam vortas­tend geht es in den Hütchen­par­cours. Schon nach wenigen Augen­bli­cken fährt das Elek­tro­mobil souverän an den stau­nenden Inter­es­sierten und Studenten auf dem TUM-Areal vorbei.

Ein Projekt­mit­ar­beiter erklärt, dass das Mobil auch künftig ganz alleine fahren könne. Vor allem auf der Auto­bahn, wo es die Rand­mar­kie­rungen für ein zuver­läs­siges Tracking gibt. Schwie­riger sei es in der Stadt, weil dort sehr viel Unvor­her­ge­se­henes passiere, wie z.B. Kinder, die über die Straße rennen.

Was kommt jetzt?

Langsam fährt es zurück und parkt. Jetzt steigt der Fahrer ein. Endlich sollte man meinen – ein Mensch zur perfekten Steue­rung. Falsch gedacht. Der junge Mann hat sich auf den Beifah­rer­sitz gesetzt. Der hat Mut. Los geht’s mit sicheren Fahrein­drü­cken und Gast an Bord. Ob der sich irgendwo krampf­haft fest­hält ist nicht zu erkennen. Er scheint großes Vertrauen zu haben.

Visio.M E-Mobil auf der Teststrecke

Operator´s Room

Und das darf er. Denn das Elek­tro­auto der TUM-Wissenschaftler wird profes­sio­nell gesteuert. Ein Operator sitzt an einem Fahr­si­mu­lator, ausge­stattet mit großen Bild­schirmen, Pedalen und Lenkrad. Die Gamer kennen das: Force-Feedback-Wheel. Dieses vermit­telt dem unsicht­baren Fahrer durch Halte­kräfte ein realis­ti­sches Fahr­ge­fühl. Neben der Rund­um­sicht erhält der Operator über Dolby 5.1 sogar die Geräu­sche aus dem Innen­raum des Fahr­zeugs. Von unserem Beifahrer ist nichts zu hören.

Visio.M Operator

Die Technik

Das E-Mobil selbst ist mit sechs Kameras ausge­stattet, die für die Bild­über­tra­gung sorgen. Die Steu­er­be­fehle kommen über das schnelle LTE-Netz, das es hier in München gibt. Nein, das Auto fährt mit Edge nicht lang­samer – nur falls diese Frage jetzt aufkommt. Sobald die Verbin­dung abreisst, wird das Fahr­zeug auto­ma­tisch zum Stehen gebracht. Schon bald steht der nächste Video-Codec H.265 zur Verfü­gung, der die Bilder auf 50% der jetzigen Größe kompri­miert und somit auch die Über­tra­gung einfa­cher macht.

Und damit sind wir dann auch bei den Gemein­sam­keiten mit Augmented Reality. Kameras zur Bild­über­tra­gung und die Notwen­dig­keit schneller Mobil­funk­netze. Die Kame­ra­technik verbes­sert sich stetig. Anders ist dies bei den Netzen. LTE gibt es nur in den Groß­städten, Edge ist noch immer viel zu häufig anzu­treffen. Und dann kommen wie bei AR die juris­ti­schen Hürden. Vor allem beim Tracking im öffent­li­chen Raum wird es Diskus­sionen geben. Man erin­nere sich nur an Google Street View.

Technologiekombination mit Augmented Reality

Einblen­dungen in die reale Stra­ßen­si­tua­tion werden bereits heute in Navi­ga­ti­ons­sys­temen genutzt. Im Aviation-Bereich ist dies Stan­dard. Das fern­ge­steu­erte Mobil hat bereits vieles an Bord, was wir für AR nutzen können. Die Kameras, das Audio­modul und die Breit­band­ver­bin­dung. Für den Operator könnten Einblen­dungen eine Unter­stüt­zung sein, ähnlich wie wir sie von den Rück­fahr­ka­meras kennen.

Ein Blick auf die künf­tige Verwen­dung des E-Mobils zeigt, dass vor allem Live-Einblendungen Sinn machen. Die Fern­steue­rung soll künftig u.a. dafür dienen, dass unser fern­ge­steu­ertes Auto abends vom Operator zur Strom­tank­stelle gefahren wird, während wir Cham­pions League schauen. Eben­falls ist somit eine einfache Order zum Car Sharing möglich und das Auto muss nicht erst gesucht werden.

Der Operator steuert ohne Lenkrad

Wir denken noch etwas weiter. In den Berei­chen Augmented Reality und Gaming ist die Gesten­steue­rung ein aktu­elles Thema. Dies bedeutet, dass ich mit meinen Händen und Bewe­gungen die Technik steuern kann. Viele kennen das bereits von der Xbox, die mit der Kinect-Steuerung die Technik dazu liefert. Der Operator könnte also in Zukunft das E-Mobil mit seinen Händen steuern, ohne dass er etwas anfasst. Noch weiter gesponnen: Viel­leicht wäre dies dann in ein paar Jahren auch von unter­wegs aus möglich.

Fahrererkennung durch Facetracking

Nicht nur der Operator soll mit modernster Tech­no­logie ausge­stattet sein. Auch für den Fahrer bieten sich Möglich­keiten. Wofür Schlüssel, manu­elle Sitz­ein­stel­lungen, Ziele im Navi­ga­ti­ons­spei­cher? Das Auto erkennt den Fahrer per Face­tracking und ruft das entspre­chende Profil ab. Sofort sind die eigenen Einstel­lungen, Navi­ga­ti­ons­ziele, Tele­fon­num­mern und so weiter verfügbar.

Den Tech­nik­be­geis­terten bringt das ein Lächeln auf die Lippen, den Kritik­ver­liebten und Daten­schüt­zern eher weniger. Genau in diesem Bereich wird es künftig vieles zu klären geben. Auf alle Fälle zeigt es, welches Poten­zial in der Kombi­na­tion verschie­dener Tech­no­lo­gien steckt und welche Verein­fa­chungen im tägli­chen Leben uns das – als Privat­person oder Unter­nehmen – bringen kann.

Macht´s gut bis zum nächsten Post,

Dirk Schart

Weiterführende Links

Tech­ni­sche Univer­sität München – Projekt Visio.M

Bild­quelle
Eigene Bilder

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