Besser zum Ziel: Augmented Reality bei Mercedes-Benz

Bei Mercedes-Benz kommt Augmented Reality und Virtual Reality in unter­schied­li­chen Berei­chen zum Einsatz. In der Planung und Produk­tion, im Marke­ting und bei den tele­ma­ti­schen Sytemen – der Navi­ga­tion. Wie wichtig die Hersteller Themen wie Tele­matik und Connected Car mitt­ler­weile betrachten, zeigte die Consumer Elec­tro­nics Show (CES) in Las Vegas Anfang des Jahres. Welche Möglich­keiten Mercedes in der Navi­ga­tion sieht, haben wir von Dr. Marc Necker, Manager Augmented Reality bei der Daimler AG, erfahren.

MARC NECKER IM INTERVIEW

WEAREAR: Herr Necker, Sie entwi­ckeln bei Mercedes-Benz ein Navi­ga­ti­ons­system mit Augmented Reality. Wie waren Ihre ersten Erfah­rungen mit der erwei­terten Realität?

Necker: Unsere bishe­rigen Erfah­rungen sind sehr gut. Mit unserem Versuchs­träger können wir die Augmented-Reality-Welt von morgen schon heute erlebbar machen. Das haben wir z.B. auch auf der InsideAR in München gemacht. Ich glaube, den meisten Besu­chern hat die Fahrt gut gefallen.

WEAREAR: Was hat Mercedes dazu bewegt ein Navi­ga­ti­ons­system mit AR zu machen? Welche Verbes­se­rungen erwarten Sie von der neuen Technologie?

Necker: Augmented Reality bietet einen leichten und intui­tiven Zugang zu Infor­ma­tionen. Beispiels­weise können Navi­ga­ti­ons­hin­weise, Stra­ßen­namen oder Haus­num­mern direkt mit der Realität über­la­gert werden. Als Fahrer haben Sie es damit viel leichter, diese Infor­ma­tionen zu erfassen. Es ist viel mehr als eine schöne Darstel­lung, denn es stellt einen echten Mehr­wert dar.

WEAREAR: Navi­ga­tion funk­tio­niert mit GPS-Daten. Augmented Reality blendet virtu­elle Objekte in die reale Umge­bung ein. Können Sie unseren Lesern erklären, wie das System funktioniert?

Necker: Das Fahr­zeug weiß genau, wo es sich befindet und in welche Rich­tung es schaut. Es weiß daher auch sehr genau, an welchen Posi­tionen rings­herum die virtu­ellen Objekte stehen. Wenn wir mit einer Kamera die Fahr­zeug­um­ge­bung aufnehmen, z.B. die Fahr­szene nach vorne heraus, dann sind es im Prinzip nur ein paar einfache geome­tri­sche Rech­nungen, die virtu­ellen Objekte im Video­bild zu verorten. Das kann man sich relativ leicht auf einem Blatt Papier über­legen. In der Praxis ist es dann leider wieder etwas aufwän­diger, denn es gibt viele Unge­nau­ig­keiten, die kompen­siert werden müssen. Z.B. macht das Fahr­zeug viele Nick­be­we­gungen durch Boden­wellen oder Brems- und Beschleu­ni­gungs­ma­neuver. Das muss kompen­siert werden, denn ansonsten wackeln die virtu­ellen Objekte im Bild herum, was nicht beson­ders hoch­wertig aussehen würde.

AR Navigation

WEAREAR: Welche weiteren Funk­tionen neben den Rich­tungs­pfeilen bieten zukünf­tige AR-Systeme?

Necker: Es gibt viele Anwen­dungs­felder. Wir grup­pieren die Funk­tionen in vier Klassen: Navi­ga­tion, Orien­tie­rung, Fahren und Vertrauen. Hinter Navi­ga­tion und Orien­tie­rung verbergen sich die bereits vorge­stellten Stra­ßen­schilder, Haus­num­mern und POIs. Es sind hier viel­fäl­tige weitere Infor­ma­tionen denkbar, z.B. auch Objekte aus sozialen Netz­werken. Die Funk­tionen im Bereich Fahren unter­stützen den Fahrer bei seiner Fahr­auf­gabe. Beispiels­weise können Gefah­ren­quellen markiert werden. Wir machen das schon heute beim Nachtsicht-Assistent Plus in der S-Klasse: Fußgänger und Tiere werden außer­halb von Ortschaften bei Nacht im Video­bild rot markiert. Beim Thema Vertrauen geht es darum, dem Fahrer darzu­stellen, was die verschie­denen Assis­tenz­sys­teme des Fahr­zeuges gerade wahr­nehmen. Beson­ders beim Schritt zum auto­ma­ti­sierten Fahren wird es wichtig sein, dem Kunden vertrauen in die neuen Systeme zu geben. Augmented Reality kommt hier eine zentrale Rolle zu.

WEAREAR: Einer­seits bieten die großen farbigen Pfeile eine gute Orien­tie­rung, ande­rer­seits besteht auch die Gefahr, dass Personen und Gegen­stände verdeckt werden. Wie wollen Sie das lösen?

Necker: Diese Probleme muss man genau betrachten. Im Video­bild ist es weniger ein Problem, denn der Fahrer sollte ohnehin nicht danach fahren. In einem Headup-Display muss man sich sehr genau über­legen, was man wie anzeigt. Hier kann weniger mehr sein.

WEAREAR: In der jetzigen Version nutzt das System das vorhan­dene Display im Fahr­zeug. Natür­lich kommt für die Einblen­dungen der Wunsch nach einem Head-up-Display in der Wind­schutz­scheibe auf. Was sind dabei die Herausforderungen?

Necker: Das sehr kleine Field-of-View eines Headup-Displays ist heute noch das Problem. Es gibt viele Funk­tionen, die damit nicht sinn­voll umsetzbar sind, z.B. Haus­num­mern und Stra­ßen­namen, ganz einfach weil die virtu­ellen Schilder außer­halb des Field-of-View des Headup-Displays wären. Es gibt aber auch genü­gend Funk­tionen, welche mit einem Headup-Display gut umsetzbar sind, z.B. die Markie­rung voraus­fah­render Fahrzeuge.

Augmented Reality Navigation

WEAREAR: Welche Reak­tionen haben Sie bisher zur Navi­ga­tion mit Augmented Reality bekommen?

Necker: Die Reak­tionen waren sehr positiv. Wenn man nur davon erzählt oder darüber liest, dann fällt es manchmal schwer, sich etwas sinn­volles darunter vorzu­stellen. Wenn man aber erst mal im Versuchs­träger damit gefahren ist, dann wird der Vorteil der Tech­no­logie unmit­telbar klar und man möchte es nicht mehr missen.

WEAREAR: In der Auto­mo­bil­in­dus­trie haben neue Tech­no­lo­gien oftmals mehr Akzep­tanz als in anderen Bran­chen. Können Sie uns Einblicke geben, wo AR bei Mercedes noch zum Einsatz kommt?

Necker: Wir haben es heute schon an vielen Stellen im Einsatz. Beispiels­weise bei der Rück­fahr­ka­mera, der 360°-Kamera oder dem Nachtsicht-Assistent Plus. Es gibt aber auch andere Anwen­dungs­bei­spiele, z.B. im Marke­ting. Ein Beispiel ist die Augmented Reality App für die neue C-Klasse, die auf der CES gezeigt wurde. Aber auch in der Produk­tion und Entwick­lung wird Augmented Reality und auch Virtual Reality einge­setzt. Produk­ti­ons­pla­nung und Entwick­lung lassen sich damit an vielen Stellen effi­zi­enter gestalten, da verschie­dene Szena­rien viel schneller durch­ge­spielt werden können.

WEAREAR: Welche Anfor­de­rungen stellen Sie an AR-Anwendungen. Kommt es bei Ihnen stärker auf den Einsatz der Tech­no­logie oder die einfache Bedien­bar­keit an?

Necker: Der Kunden­nutzen steht immer im Vorder­grund. Wir möchten Augmented Reality nicht wegen der Tech­no­logie selbst einbauen, sondern wir möchten einen echten Mehr­wert schaffen, der den Komfort während der Fahrt erhöht. Augmented Reality hat eine Menge Poten­tial, die Bedie­nung vieler Funk­tionen zu verein­fa­chen. Navi­ga­ti­ons­an­wei­sungen können z.B. viel leichter verstanden werden, wenn man sie per Augmented Reality wiedergibt.

WEAREAR: Neben der zuneh­menden Bedeu­tung von Visua­li­sie­rung mit Augmented und Virtual Reality gewinnen Daten­brillen wie Google Glass, Space­glasses und andere Weara­bles an Bedeu­tung. Gibt es bereits Projekte mit Brillen bei Mercedes?

Necker: Ja, unsere Kollegen in Kali­for­nien haben bereits eine Studie gezeigt, welche die Last-Mile-Navigation mit einer Daten­brille ermög­licht. Hierzu wird nach dem Parken des Fahr­zeuges die Routen­füh­rung an die Daten­brille über­geben, die den Fahrer dann zum endgül­tigen Ziel navigiert.

WEAREAR: In den letzten Wochen wurde in den Medien viel über die See-Through-Funktion berichtet, mit der ich durch Last­wägen vor mir durch­schauen kann, um leichter über­holen zu können. Was halten Sie davon?

Necker: See-Through eignet sich hervor­ra­gend, um hübsche Bilder zu malen oder Proto­typen aufzu­bauen. Es ist aber enorm schwierig, diese Funk­tion tatsäch­lich kunden­taug­lich umzu­setzen. Wenn man See-Through anbietet, dann muss es zu 100% zuver­lässig funk­tio­nieren. Das Bild darf z.B. nicht einfrieren, auch nicht für eine Sekunde. Denn sonst entscheidet sich ein Fahrer zu einem Über­hol­ma­neuver, obwohl schon wieder Gegen­ver­kehr kommt. Bei der Video­bild­über­tra­gung über Funk­stre­cken wird man das nie so zuver­lässig hinbe­kommen, wie man es benö­tigt. Ich glaube daher nicht, dass eine solche Funk­tion prak­ti­kabel umsetzbar ist.

WEAREAR: Herr Necker, vielen Dank für das inter­es­sante Gespräch.

ZUR PERSON

Marc Necker

Dr. Marc Necker ist Manager Augmented Reality bei der Daimler AG in Sindel­fingen. Seit mehr als fünf Jahren befasst er sich mit Tele­ma­tik­sys­temen im Auto. Dazu zählen beispiels­weise Navi­ga­ti­ons­sys­teme mit Augmented Reality. Zuvor arbei­tete er als Forschungs­grup­pen­leiter am Institut für Kommu­ni­ka­ti­ons­netze und Rech­ner­sys­teme der Univer­sität Stutt­gart. Er hat in Stutt­gart und Atlanta/USA Elektro- und Infor­ma­ti­ons­technik studiert und über Inter­fe­renz­koo­or­di­na­tion mobiler Kommu­ni­ka­ti­ons­netze promoviert.

WEITERFÜHRENDE LINKS

Dainler Blog: Von der Vision zur Realität

BBC Future: Cars turn to augmented reality

Bild­quellen: Daimler AG

2 thoughts on “Besser zum Ziel: Augmented Reality bei Mercedes-Benz”

    1. Hallo Rainer, kürz­lich gab es einen Bericht über See-Through (http://goo.gl/NZZ7k0). Darin wurde sugge­riert, dass die Technik verfügbar und die Umset­zung recht kurz­fristig möglich sei. Die Euphorie des portu­gie­si­schen Profes­sors habe ich schon damals nicht geteilt. Und offen­sicht­lich bin ich mit der Einschät­zung nicht alleine.

      VG
      Dirk

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